Ausrichtung im Yoga – zwischen Lineal und „Der Körper weiß das schon“

Aug. 26, 2026 | Allgemein

Kaum ein Thema kann in einer Runde von Yogalehrer:innen so schnell für Diskussionen sorgen wie die Frage nach der richtigen Ausrichtung. Man muss eigentlich nur einen Krieger II in den Raum stellen und ein paar Minuten warten. Schon geht es los. Das Knie gehört genau über den Knöchel. Nein, das Knie darf ruhig weiter nach vorne. Das Becken muss geöffnet werden. Nein, das Becken soll sich so organisieren, wie es für diesen Körper sinnvoll ist. Die Schultern weg von den Ohren. Oder vielleicht doch nicht immer. Der hintere Fuß in diesen Winkel, die Ferse auf jene Linie, das Becken hierhin, die Schulter dorthin. Und wenn man lange genug zuhört, könnte man irgendwann den Eindruck bekommen, dass eine Yogamatte eigentlich nur noch ein Lineal und einen Winkelmesser braucht.

Auf der anderen Seite hat sich inzwischen fast eine Gegenbewegung entwickelt. Dort lautet die Antwort: Vergiss Alignment. Jeder Körper ist anders. Der Körper ist intelligent. Lass die Menschen einfach machen. Auch das klingt zunächst wunderbar befreiend. Endlich keine ständigen Korrekturen mehr, keine Vorstellung von einer perfekten Haltung und keine Sorge darüber, ob das Knie nun drei Zentimeter zu weit links steht.

Und trotzdem werde ich bei beiden Positionen skeptisch. Denn vielleicht müssen wir uns gar nicht entscheiden.

Vielleicht brauchen wir Ausrichtung – und vielleicht müssen wir gleichzeitig aufhören, Ausrichtung mit einer festgelegten äußeren Form zu verwechseln.

Die Vorstellung davon, wie eine „schöne“ Yogahaltung auszusehen hat, ist schließlich nicht im luftleeren Raum entstanden. Das moderne Haltungs-Yoga wurde im Laufe seiner Entwicklung von unterschiedlichen Bewegungskulturen beeinflusst. Gymnastik, Körperkultur, Tanz und andere ästhetisch geprägte Bewegungsformen haben ihre Spuren hinterlassen. Und damit konnte sich leicht eine Vorstellung einschleichen, die wir aus vielen Bewegungsformen kennen: Eine gute Bewegung sieht auch gut aus.

Aber ist eine ästhetisch schöne Haltung automatisch eine funktionell gut organisierte Haltung?

Ich glaube nicht.

Zwei Menschen können äußerlich beinahe identisch in einem Krieger stehen und sich innerlich vollkommen unterschiedlich organisieren. Einer fühlt sich stabil, kraftvoll und gleichzeitig frei. Der andere hält mit enormer Spannung dagegen, bekommt kaum Luft und wartet eigentlich nur darauf, endlich wieder aus der Haltung herauszukommen. Von außen kann das erstaunlich ähnlich aussehen.

Umgekehrt kann eine Haltung von außen ungewohnt oder vielleicht sogar „falsch“ wirken und für diesen Menschen trotzdem sehr gut funktionieren.

Genau hier beginnt für mich das Problem mit einer Ausrichtung, die hauptsächlich über äußere Formen definiert wird.

Hinzu kommt etwas, worüber wir im Yoga vielleicht häufiger sprechen sollten. In vielen Yogalehrerausbildungen sind funktionelle Anatomie, Biomechanik, Belastungssteuerung und die Anpassungsfähigkeit biologischer Strukturen nur ein Teil von sehr vielen Ausbildungsinhalten. Gleichzeitig sollen Yogalehrer:innen später konkrete Aussagen darüber treffen, welche Gelenkstellung sicher, welche Bewegung gefährlich und welche Haltung anatomisch „richtig“ ist.

Da sind Regeln natürlich attraktiv.

Regeln geben Sicherheit.

Wenn ich gelernt habe, dass das Knie niemals über die Fußspitze darf, muss ich mich nicht mehr mit Belastung, Dosierung, individueller Anatomie und Belastbarkeit beschäftigen. Ich habe eine Antwort. Wenn ich gelernt habe, dass die Schulter immer weg vom Ohr muss, brauche ich nicht genauer hinzuschauen, wie sich das Schulterblatt beim Heben des Arms eigentlich bewegt. Wenn ich gelernt habe, dass eine bestimmte Position der Hüfte immer korrekt ist, muss ich nicht überlegen, ob unterschiedliche Körper vielleicht unterschiedliche Bewegungswege benötigen.

Eine Regel erspart uns zunächst eine Menge Unsicherheit.

Nur leider erspart sie uns manchmal auch das genaue Hinschauen.

Und damit möchte ich Regeln keineswegs abschaffen. Wenn wir etwas Neues lernen, können klare Anweisungen ausgesprochen hilfreich sein. Ein Anfänger braucht nicht bei jeder Bewegung zunächst ein biomechanisches Seminar. Eine verständliche Richtung kann Orientierung geben.

Aber eine Orientierung ist etwas anderes als eine Wahrheit.

Vielleicht sollten wir deshalb häufiger sagen: „Probier einmal diese Richtung aus und beobachte, was passiert“, statt: „So muss es sein.“

Denn genau dort verändert sich für mich die Bedeutung von Ausrichtung.

Ich möchte Ausrichtung im Yoga keineswegs abschaffen. Eigentlich halte ich sie für ausgesprochen wertvoll. Ich verstehe heute nur etwas anderes darunter.

Wenn ich einen Krieger II unterrichte, ist die äußere Form zunächst durchaus relevant. Ein Fuß steht vorne, der andere hinten, das vordere Bein ist gebeugt, die Arme öffnen sich und der Oberkörper richtet sich auf. Natürlich könnte ich sagen, jeder solle einfach irgendetwas machen. Aber irgendwann unterrichte ich dann keinen Krieger II mehr, sondern freie Bewegung.

Eine grobe Form gibt uns einen Rahmen.

Aber danach beginnt für mich erst die wirklich interessante Arbeit.

Ich schaue nicht sofort danach, welche sichtbare Abweichung von meinem Idealbild ich korrigieren könnte. Ich frage mich zunächst: Wie organisiert sich dieser Mensch innerhalb dieser Form?

Und an dieser Stelle werden für mich die fünf Elemente zu etwas sehr Praktischem.

Nicht zu fünf neuen Regeln.

Sondern zu einem Kompass.

Alles beginnt für mich mit Raum. Bevor ich etwas verändere, muss ich überhaupt bemerken, was da ist. Wie stehe ich? Wo fühle ich den Boden? Was passiert im vorderen Knie? Wie fühlt sich mein Becken an? Wie ist mein Atem? Wo spüre ich Stabilität? Wo Unsicherheit? Wo vielleicht überflüssige Spannung?

Das klingt fast zu einfach. Wir sind es gewohnt, beim Yoga sofort etwas zu tun. Fuß drehen. Knie bewegen. Schulter korrigieren. Becken ausrichten.

Aber was wäre, wenn wir einen Moment früher anfangen?

Mit Wahrnehmen.

Vielleicht ist nämlich gar keine Korrektur notwendig. Vielleicht organisiert sich dieser Körper bereits sinnvoll – nur eben anders, als ich es erwartet habe.

Und wenn etwas fehlt, kann Erde ins Spiel kommen.

Erde bedeutet für mich Stabilität, Kontakt und Sammlung. Ich kann den Boden deutlicher wahrnehmen und eine angemessene muskuläre Aktivität erzeugen. Vielleicht ziehe ich die Füße gedanklich zueinander, ohne dass sie sich tatsächlich bewegen. Dadurch kann Kokontraktion entstehen. Der Körper sammelt sich, Gelenke bekommen aktive Führung und ich nehme meine Mitte deutlicher wahr.

Aber Erde bedeutet nicht: festmachen.

Denn Stabilität ist für mich nicht das endgültige Ziel. Sie schafft eine Voraussetzung dafür, dass andere Möglichkeiten entstehen können.

Wenn genügend Stabilität vorhanden ist, darf Wasser hinzukommen. Jetzt kann sich der Körper innerhalb dieser Stabilität anpassen. Ich kann spiralförmige Bewegungen erforschen, Kräfte durch Beine, Becken und Rumpf weitergeben und erleben, dass eine Haltung nicht dadurch sicher wird, dass ich sie einfriere. Bewegung darf stattfinden. Anpassung darf stattfinden.

Wasser erinnert mich daran, dass eine lebendige Haltung kein Foto ist.

Dann kommt Feuer.

Feuer gibt Richtung. Aus dem Kontakt zum Boden entsteht Kraft. Ich drücke in den Boden, richte mich auf und entwickle eine klare Intention. Vielleicht entsteht Gegenspannung, vielleicht eine deutlichere Kraftübertragung durch den Körper. Energie bekommt eine Richtung.

Und schließlich Luft.

Jetzt kann Expansion entstehen. Die Arme reichen weiter, der Brustkorb bekommt Raum, die Wirbelsäule richtet sich auf, der Atem kann sich entfalten. Es entsteht Weite – aber eine Weite, die ihre Verbindung zur Mitte nicht verloren hat.

Von außen sehen wir immer noch einen Krieger II.

Innen ist jedoch etwas vollkommen anderes geschehen.

Ich habe den Menschen nicht mit einem Lineal in eine vermeintlich perfekte Form gebracht. Ich habe Bedingungen angeboten, innerhalb derer er seine Haltung zunehmend selbst organisieren kann.

Das ist für mich heute körperliche Ausrichtung.

Nicht zuerst die Form korrigieren – sondern zuerst die Bedingungen schaffen, unter denen sich die Form sinnvoll organisieren kann.

Doch an dieser Stelle könnte man natürlich einwenden: Wenn unser Körper so intelligent und anpassungsfähig ist, warum sollten wir überhaupt eingreifen? Warum nicht einfach jeden Menschen so bewegen lassen, wie es sich für ihn natürlich anfühlt?

Auch darauf würde ich antworten: Ja – und nein.

Denn wir kommen nicht als unbeschriebene Blätter auf unsere Yogamatte.

Wir schleppen etwas mit.

Unsere Gewohnheiten.

Unsere bevorzugten Bewegungswege.

Unsere Art, Spannung aufzubauen oder ihr auszuweichen.

Unsere Strategien, die uns vielleicht seit Jahren zuverlässig durch unseren Alltag bringen.

Der eine Mensch stabilisiert sofort. Sobald eine Situation unsicher wird, macht er sich fest. Das kann eine hervorragende Fähigkeit sein. Vielleicht ist genau diese Strategie aber inzwischen so vertraut geworden, dass sie bei nahezu jeder Bewegung auftaucht – auch dort, wo etwas weniger Kontrolle und etwas mehr Anpassungsfähigkeit hilfreicher wären.

Ein anderer Mensch kann wunderbar nachgeben. Er ist beweglich, weich und findet für fast jede Haltung irgendeinen Weg. Vielleicht fehlt ihm aber manchmal die Fähigkeit, eine klare Mitte zu erzeugen und Belastung aktiv aufzunehmen.

Der nächste geht mit enormer Energie in jede Haltung. Mehr Kraft, mehr Spannung, mehr Wille. Und vielleicht wäre ausgerechnet für ihn die interessanteste Erfahrung, einmal weniger zu tun.

Wenn ich diese Menschen nun ausschließlich das tun lasse, was sich für sie spontan vertraut und „natürlich“ anfühlt, passiert möglicherweise etwas Interessantes:

Sie machen vor allem das, was sie ohnehin schon gut können.

Der Körper organisiert sich gerne über bekannte Wege.

Und genau deshalb möchte ich Menschen im Yoga durchaus aus ihren Gewohnheiten herauslocken.

Nicht indem ich sage:

„Das, was du machst, ist falsch.“

Sondern:

„Probier einmal eine andere Möglichkeit.“

Was passiert, wenn du hier etwas mehr Stabilität erzeugst?

Was verändert sich, wenn du weniger festhältst?

Was geschieht, wenn du einer Bewegung eine klarere Richtung gibst?

Und wie fühlt es sich an, wenn du aus dieser Stabilität heraus plötzlich mehr Weite zulässt?

Vielleicht liegt genau darin für mich einer der wertvollsten Aspekte von Ausrichtung:

Sie kann unser Repertoire erweitern.

Je mehr Möglichkeiten ich habe, desto weniger bin ich darauf angewiesen, jede Situation mit demselben Muster zu beantworten.

Und hier werden die fünf Elemente für mich noch interessanter.

Ein Mensch mit viel Erde muss vielleicht nicht noch mehr Erde erzeugen. Stabilität ist eine wunderbare Fähigkeit. Aber wenn Erde die einzige verfügbare Antwort bleibt, kann Stabilität irgendwann zu Starrheit werden. Vielleicht braucht es dann Wasser, damit wieder Anpassung möglich wird, oder Luft, damit mehr Weite entstehen kann.

Ein Mensch mit viel Wasser kann wunderbar reagieren, nachgeben und sich anpassen. Vielleicht braucht er aber Erde, um eine tragfähige Mitte zu entwickeln, oder Feuer, um einer Bewegung Richtung zu geben.

Jemand mit viel Feuer muss vielleicht nicht lernen, noch entschlossener zu handeln. Vielleicht besteht seine Herausforderung darin, Wasser zuzulassen, weniger zu kontrollieren oder über Raum zunächst überhaupt wahrzunehmen, dass er längst mehr Kraft einsetzt, als die Situation verlangt.

Und Luft kann uns Weite und neue Möglichkeiten eröffnen. Aber ohne Erde kann aus Weite irgendwann Zerstreuung werden.

Das Entscheidende ist deshalb für mich nicht, herauszufinden, welches Element ein Mensch ist.

Wir sind nicht Erde.

Wir sind nicht Wasser.

Wir sind nicht Feuer oder Luft.

Wir tragen all diese Möglichkeiten in uns.

Die viel spannendere Frage lautet:

Auf welche davon kann ich gerade zugreifen – und welche Möglichkeit fehlt mir vielleicht noch?

Damit verändert sich auch meine Vorstellung von Harmonie.

Harmonie bedeutet für mich nicht, dass immer von allem gleich viel vorhanden sein muss. Das wäre nur die nächste starre Regel.

Eine Situation kann sehr viel Feuer brauchen. Wenn ich eine Entscheidung treffen oder eine Grenze setzen muss, wäre genau diese Klarheit vielleicht angemessen. Auf einem schwierigen Bergweg kann Erde wichtiger werden. Wenn sich mein Leben verändert, brauche ich möglicherweise Wasser. Wenn ich mich in meinen eigenen Vorstellungen festgefahren habe, vielleicht Luft. Und bevor ich überhaupt erkennen kann, was gerade gebraucht wird, brauche ich Raum.

Vielleicht können wir tatsächlich viele Situationen unseres Lebens einmal durch diese Qualitäten betrachten.

Nicht um sie in fünf Schubladen zu stecken.

Sondern um uns eine einfache Frage zu stellen:

Welche Qualität ist gerade vorhanden – und welche würde mehr Gleichgewicht ermöglichen?

Denn ein einzelnes Element reicht selten aus.

Erde ohne Wasser kann starr werden.

Wasser ohne Erde kann seinen Halt verlieren.

Feuer ohne Wasser kann verbrennen.

Luft ohne Erde kann zerstreuen.

Und ohne Raum bemerken wir vielleicht gar nicht, dass wir längst an einem Pol festhängen.

Für Harmonie braucht es deshalb Zusammenspiel.

Nicht immer von allem gleich viel.

Sondern das passende Verhältnis für die jeweilige Situation.

Vielleicht ist Balance deshalb überhaupt kein Zustand, den wir irgendwann erreichen und anschließend besitzen.

Balance ist Bewegung.

Ein fortwährendes Wahrnehmen, Anpassen und Neuorganisieren.

Und genau das können wir auf der Yogamatte üben.

Wir können unsere vertrauten Muster beobachten. Wir können eine andere Möglichkeit ausprobieren. Wir können wahrnehmen, was sich dadurch verändert. Und wir können entscheiden, ob diese Möglichkeit für uns gerade hilfreich ist.

Dann passiert etwas, das ich am Yoga besonders spannend finde.

Wir bringen zunächst unsere Gewohnheiten mit auf die Matte.

Aber vielleicht nehmen wir irgendwann etwas anderes von der Matte wieder mit zurück in unser Leben:

mehr Möglichkeiten.

Und damit sind wir längst nicht mehr nur bei körperlicher Ausrichtung.

Denn wir suchen unser ganzes Leben nach Orientierung.

Was ist richtig?

Was ist falsch?

Soll ich bleiben oder gehen?

Festhalten oder loslassen?

Brauche ich Sicherheit oder Veränderung?

Soll ich handeln oder noch warten?

Wir suchen Lehrer, Systeme, Philosophien, Bücher und Menschen, die uns möglichst eindeutig sagen:

Da geht es lang.

Das ist verständlich. Orientierung beruhigt.

Nur hält sich das Leben erstaunlich selten an unsere Regeln.

Was gestern richtig war, kann heute nicht mehr passen. Eine Gewohnheit, die mir jahrelang Halt gegeben hat, kann mich irgendwann begrenzen. Eine Veränderung, die mich einmal befreit hat, kann mich später entwurzeln.

Und wieder begegnen mir die Elemente.

Manchmal brauche ich Erde.

Manchmal Wasser.

Manchmal Feuer.

Manchmal Luft.

Und manchmal zunächst einfach Raum, um überhaupt zu erkennen, was gerade geschieht.

Das Faszinierende daran ist für mich, dass ich in sehr unterschiedlichen Bereichen immer wieder einer ähnlichen Grundidee begegne. In der Bewegung brauchen Stabilität und Beweglichkeit einander. Spannung und Nachgeben sind keine Feinde. Kraft ohne Anpassungsfähigkeit kann ebenso problematisch werden wie Beweglichkeit ohne Halt. In philosophischen Traditionen begegnen uns Polaritäten und die Frage nach ihrem Zusammenspiel. Im Ayurveda werden elementare Qualitäten genutzt, um unterschiedliche Dynamiken zu beschreiben. Auch andere traditionelle Modelle arbeiten mit solchen Bildern und Gegensätzen.

Diese Systeme sind nicht dasselbe und ich möchte sie auch nicht künstlich gleichsetzen.

Mich interessiert vielmehr die gemeinsame Erfahrung, die ich darin entdecke:

Ein Pol allein ist selten die ganze Antwort.

Vielleicht entsteht Harmonie nicht dadurch, dass wir endlich die eine richtige Position finden.

Vielleicht entsteht sie durch Beziehung.

Durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte.

Durch die Fähigkeit, zwischen Stabilität und Beweglichkeit, Kraft und Nachgeben, Richtung und Offenheit immer wieder neu zu navigieren.

Und vielleicht berührt das für mich etwas sehr Wesentliches im Yoga.

Verbindung.

Nicht Gleichmacherei.

Nicht Perfektion.

Nicht die Auflösung aller Gegensätze.

Sondern die Fähigkeit, Gegensätze miteinander in Beziehung zu bringen.

Deshalb lautet meine Antwort auf die Frage, ob wir Ausrichtung im Yoga brauchen:

**Ja.

Und nein.**

Wir brauchen keine Ausrichtung, die jedem Menschen vorschreibt, wie sein Körper aussehen muss.

Aber wir brauchen Orientierung.

Wir brauchen Wissen und funktionelles Verständnis. Wir brauchen die Fähigkeit, Belastung zu dosieren. Wir brauchen Lehrer:innen, die beobachten können, bevor sie korrigieren. Und wir brauchen Impulse, die uns manchmal bewusst aus unseren gewohnten Bewegungs- und Verhaltensmustern herausführen.

Vor allem brauchen wir aber Möglichkeiten.

Denn Freiheit bedeutet für mich nicht, keine Orientierung zu haben.

Freiheit entsteht dort, wo ich mehr als eine mögliche Antwort zur Verfügung habe und wahrnehmen kann, welche davon die Situation gerade braucht.

Vielleicht sind die fünf Elemente deshalb für mich so hilfreich.

Nicht weil sie die nächste perfekte Ausrichtung liefern.

Nicht weil sie fünf neue Regeln sind.

Und auch nicht, weil wir Menschen einem Element zuordnen müssten.

Sondern weil sie uns immer wieder daran erinnern, dass wir Optionen haben.

Raum lässt mich wahrnehmen. Erde gibt mir Stabilität. Wasser ermöglicht Anpassung. Feuer gibt Richtung. Luft schafft Weite.

Keine dieser Qualitäten ist für sich allein die Lösung.

Erst ihr Zusammenspiel eröffnet Möglichkeiten.

Die fünf Elemente sind für mich deshalb kein neues Regelwerk. Sie sind ein Kompass.

Ein Lineal sagt mir, wie etwas aussehen soll.

Ein Kompass schreibt mir nicht vor, welchen Weg ich gehen muss.

Er hilft mir herauszufinden, wo ich gerade stehe, welche Möglichkeiten ich habe – und welche Richtung im nächsten Moment sinnvoll sein könnte.

Vielleicht ist genau das Ausrichtung.

Nicht die Suche nach der einen perfekten Form.

Sondern die Fähigkeit, sich immer wieder neu auszurichten.

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