Wenn Menschen zum Yoga kommen, bringen sie häufig schon eine Vorstellung davon mit, was sie tun sollen. Der Fuß soll an einer bestimmten Stelle stehen, das Knie in eine bestimmte Richtung zeigen, das Becken soll sich ausrichten, die Wirbelsäule lang werden und die Schultern möglichst entspannt sein. All diese Hinweise können hilfreich sein. Ausrichtung kann Orientierung geben, anatomisches Wissen kann Zusammenhänge verständlicher machen und eine klare Anleitung kann dabei helfen, eine Bewegung bewusster auszuführen.
Und trotzdem habe ich im Laufe vieler Jahre des Unterrichtens immer deutlicher gemerkt, dass etwas Entscheidendes fehlt, wenn wir Yoga hauptsächlich über die äußere Form betrachten.
Denn Menschen sind verschieden.
Wir haben unterschiedliche Proportionen, unterschiedliche Bewegungsmöglichkeiten, unterschiedliche Erfahrungen und nicht zuletzt fühlen wir uns auch von Tag zu Tag anders. Eine Haltung, die für einen Menschen leicht und selbstverständlich ist, kann sich für einen anderen eng oder instabil anfühlen. Und selbst bei ein und demselben Menschen kann sich dieselbe Haltung heute vollkommen anders anfühlen als morgen.
Deshalb interessiert mich heute weniger die Frage:
„Wie muss diese Haltung aussehen?“
Viel spannender finde ich die Frage:
„Wie kann ich mich in dieser Haltung so organisieren, dass Stabilität und Bewegungsfreiheit gleichzeitig entstehen?“
Genau an diesem Punkt beginnt für mich eine andere Art, Yoga zu betrachten.

Stabilität ist nicht dasselbe wie Starrheit
Lange Zeit habe ich Stabilität vor allem mit einer möglichst guten Ausrichtung verbunden. Je genauer eine Haltung aufgebaut ist, desto sicherer müsste sie doch eigentlich sein. Mit der Zeit wurde mir jedoch immer deutlicher, dass unser Körper so nicht funktioniert.
Stabilität entsteht nicht dadurch, dass wir unseren Körper in eine bestimmte Form bringen und diese anschließend festhalten. Sie entsteht vielmehr durch das Zusammenspiel vieler Strukturen, die miteinander reagieren. Muskeln erzeugen Spannung, Faszien übertragen Kräfte, Gelenke ermöglichen Bewegung und unser Nervensystem nimmt fortlaufend wahr, was gerade geschieht.
Für mich wurde deshalb eine andere Frage immer wichtiger: Was passiert im Körper, bevor die eigentliche Bewegung beginnt?
Wenn wir einen sanften muskulären Tonus aufbauen, verändert sich etwas. Der Körper bekommt mehr Halt, ohne zwangsläufig starr zu werden. Verschiedene Muskelgruppen können miteinander arbeiten, Gelenke werden aktiv geführt und aus dieser inneren Stabilität heraus kann Bewegung entstehen.
Genau hier liegt für mich eine der spannendsten Erfahrungen meiner heutigen Yogapraxis: Stabilität und Beweglichkeit sind keine Gegensätze. Sie können sich gegenseitig ermöglichen.

Sicherheit beginnt im Körper
Diese Erfahrung hat meine Sicht auf Yoga stark verändert. Denn Stabilität ist für mich inzwischen mehr als eine biomechanische Frage. Sie hat auch damit zu tun, wie wir uns in unserem Körper erleben.
Wenn ich in einer Haltung das Gefühl habe, keinen Halt zu finden, ständig nachkorrigieren zu müssen oder einer äußeren Form entsprechen zu wollen, entsteht schnell Anspannung. Anders kann es sich anfühlen, wenn ich bewusst Kontakt zum Boden aufnehme, meine Mitte wahrnehme und über einen angemessenen muskulären Tonus Stabilität erzeuge. Ich bekomme gewissermaßen eine körperliche Rückmeldung: Ich kann mich selbst tragen.
Diese Qualität verbinde ich in meiner Arbeit mit dem Element Erde. Erde bedeutet für mich nicht, möglichst fest oder unbeweglich zu werden. Es geht um Kontakt, Stabilität und eine tragfähige Mitte. Um genügend Halt, damit Bewegung überhaupt frei werden kann.
Das finde ich auch mit Blick auf unser Nervensystem interessant. Unser Körper bewertet fortlaufend, ob eine Situation sicher und bewältigbar erscheint. Dabei spielen viele Faktoren zusammen – Wahrnehmung, Atmung, Umgebung, Erfahrungen und auch körperliche Rückmeldungen. Ein gut dosierter Muskeltonus und das Erleben von eigener Handlungsfähigkeit können dabei Teil eines Gefühls von Sicherheit und Orientierung sein.
Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Unterschied: Sicherheit entsteht nicht nur dadurch, dass mir jemand sagt, was richtig ist. Sie kann auch daraus entstehen, dass ich lerne, mich selbst wahrzunehmen und angemessen auf das zu reagieren, was ich gerade brauche.
Stabilität ist die Grundlage – nicht das Ziel
Je länger ich mich mit Bewegung beschäftige, desto deutlicher wird für mich: Stabilität allein reicht nicht. Wenn aus Halt Festhalten wird, verlieren wir genau das, was Bewegung lebendig macht – die Fähigkeit, uns anzupassen.
Unser Körper ist kein starres Gebilde. Bei jeder Bewegung verändern sich Spannungen, Kräfte werden weitergegeben, Gelenke reagieren aufeinander und der gesamte Körper organisiert sich immer wieder neu. Eine gute Haltung ist deshalb für mich kein eingefrorener Zustand, sondern etwas Dynamisches.
Genau hier kommt eine weitere Qualität ins Spiel, die ich mit dem Element Wasser verbinde. Wasser steht für Anpassungsfähigkeit, fließende Übergänge und die Möglichkeit, auf Veränderungen zu reagieren, ohne dabei die eigene Mitte zu verlieren.
Das lässt sich auf der Yogamatte unmittelbar erfahren. Wir können einerseits Stabilität erzeugen und gleichzeitig zulassen, dass sich der Körper innerhalb dieser Stabilität bewegt und organisiert. Spiralförmige Bewegungen spielen dabei für mich eine besondere Rolle. Sie ermöglichen es, Kräfte durch den Körper weiterzugeben, statt einzelne Bereiche isoliert festzuhalten.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, die Yoga uns vermitteln kann: Wir müssen uns nicht zwischen Stabilität und Freiheit entscheiden. Freiheit kann gerade dort entstehen, wo genügend Stabilität vorhanden ist.

Was auf der Matte beginnt, endet nicht auf der Matte
Vielleicht fasziniert mich genau das am Yoga am meisten. Was wir mit unserem Körper erfahren, lässt sich nicht vollständig vom restlichen Leben trennen.
Auch im Alltag bewegen wir uns ständig zwischen scheinbaren Gegensätzen. Wir brauchen Stabilität und gleichzeitig die Fähigkeit, uns zu verändern. Wir brauchen Orientierung, dürfen aber nicht so sehr an unseren Vorstellungen festhalten, dass wir nicht mehr auf das reagieren können, was tatsächlich geschieht.
Gewohnheiten sind dafür ein gutes Beispiel. Sie können uns Sicherheit geben. Wir müssen nicht jeden Morgen neu überlegen, wie wir unseren Tag beginnen oder wie wir mit bestimmten Situationen umgehen. Doch das Leben verändert sich. Und manchmal funktioniert eine Strategie, die uns lange getragen hat, plötzlich nicht mehr.
Dann hilft es wenig, einfach noch stärker daran festzuhalten.
Vielleicht brauchen wir in solchen Momenten etwas Ähnliches wie in einer Yogahaltung: genügend Stabilität, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren – und genügend Beweglichkeit, um eine neue Möglichkeit entdecken zu können.
Für mich beginnt an dieser Stelle eine weitere wesentliche Qualität: Raum.
Raum bedeutet für mich zunächst Wahrnehmung. Einen Moment nicht sofort zu reagieren, sondern zu bemerken, was gerade geschieht. Wie stehe ich hier? Was spüre ich? Wo halte ich fest? Wo fehlt mir Stabilität? Und welche Möglichkeiten habe ich?
Erst wenn ich wahrnehme, was gerade ist, entsteht überhaupt die Möglichkeit, bewusst etwas zu verändern.


